Der Marineschiffbau in den norddeutschen Bundesländern boomt. Den jüngsten Auftrag konnte Ende Februar die Fassmer-Werft in Berne/Motzen (Niedersachsen) an Land ziehen. Das familiengeführte Unternehmen wird für die deutsche Marine insgesamt vier neue Ausbildungsboote vom Typ „SAMSe mod“ (Seebasierte Ausbildung und Seeversuche See – modifiziert) für die deutsche Marine bauen. Das erste soll Ende 2028 abgeliefert werden.
Die Militärsparte zählt seit jeher zu den erfolgreichsten und innovativsten Segmenten des Schiffbaus. Allerdings ist es noch nicht lange her, da hing der Haussegen in diesem Bereich ziemlich schief. Auslöser war 2020 der Bauauftrag für die Fregatte F126. Nicht nur die norddeutschen Werftländer, sondern auch Bayern und Nordrhein-Westfalen nahmen Anstoß daran, dass der Fünf-Milliarden-Euro-Auftrag in die benachbarten Niederlande ging, und zwar an den Schiffbauer Damen Naval.
Die Länderchefs sahen sich veranlasst, einen gemeinsamen Brandbrief an die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel zu schicken. Eine Kernforderung des Schreibens war es, den Überwasser-Marineschiffbau als Schlüsseltechnologie zu deklarieren. Denn das würde es ermöglichen, auch in diesem Segment staatliche Aufträge ähnlich wie bei U-Booten im Inland und nicht mehr zwingend europaweit auszuschreiben.
Die Protestnote der Bundesländer zeigte Wirkung, der geforderte Schlüsseltechnologie-Passus wurde wenig später in einem neuen Strategiepapier zur Stärkung der Verteidigungs- und Sicherheitsindustrie berücksichtigt. Ganz leer gingen die deutschen Werften bei dem F126-Projekt indes nicht aus; die Niederländer nahmen als Kooperationspartner unter anderem die Rheinmetall-Division Naval Systems (früher NVL) und die Kieler Werft German Naval Yards mit ins Boot.
Mitte 2024 erfolgte auf der zu Naval Systems gehörenden Peene-Werft im vorpommerschen Wolgast die Kiellegung für den Bau der ersten der bestellten F126-Fregatten. Dort werden die Achterschiffe gefertigt. Inzwischen wurde das F126-Quartett um zwei bereits im Beschaffungsvertrag optional vereinbarte Schiffe dieses Typs per Bundestagsbeschluss erweitert.
Die Koordinierung der beteiligten Werften ist komplex
Einen Dämpfer erhielt das ambitionierte F126-Programm 2024, als vor einiger Zeit bekannt wurde, dass es in der Koordinierung zwischen den beteiligten Werften aufgrund von Problemen bei der digitalen Übertragung von Konstruktionsunterlagen zu erheblichen Verzögerungen gekommen war. Aufgrund der Schwierigkeiten beauftragte der Bund Naval Systems mit der Prüfung einer Übernahme des Projektes.
Nach erfolgreichem Abschluss des Prüfverfahrens wird Rheinmetall voraussichtlich im Sommer 2026 als Generalunternehmer in den F126-Vertrag eintreten. Nach aktuellem Stand plant Rheinmetall, das erste Schiff Anfang 2028 für die Endausrüstung und Erprobung nach Hamburg zu überführen.
Aus HDW wurden TKMS und German Naval Yards
Während mit dem F126-Projekt die jahrzehntelang vernachlässigte Ertüchtigung der Marine angegangen wurde, schärfte sich der Blick auf den Marineschiffbau schlagartig mit dem russischen Überfall auf die Ukraine. Die Sicherheitsarchitektur in Europa geriet aus den Fugen, was eine langfristige strategische Neuausrichtung zur Folge hatte.
In der Konsequenz begann sich auch der Marineschiffbau den neuen Herausforderungen anzupassen. Davon profitierte unter anderem der Standort Kiel, wo 2012 auf dem Gelände der ehemaligen Howaldtswerke-Deutsche Werft GmbH (HDW) die ThyssenKrupp Marine Systems GmbH entstanden war.
Das Unternehmen, das auf den Bau von U-Booten spezialisiert ist und 2025 an die Börse ging, ereilte eine Auftragswelle ohnegleichen. Zunächst bestellten Deutschland und Norwegen gemeinsam sechs U-Boote (2+4) des neuen Typs U212CD. Später orderte der Bund vier weitere baugleiche U-Boote und Norwegen zog eine Option auf zwei weitere.
Einstieg in Wismar nach der Genting-Insolvenz
Weitere Aufträge und Anfragen gibt es aus dem Ausland, unter anderem aus Singapur, Kanada und Indien. Insgesamt summiert sich das Auftragsvolumen von TKMS derzeit auf 18,7 Milliarden Euro.
1.500 Stellen will TKMS am Standort Wismar insgesamt schaffen
Vor diesem Hintergrund und dem erforderlichen Kapazitätsausbau entschied sich das Kieler Unternehmen kurz nach der Insolvenz der MV-Werften-Gruppe 2022 in Mecklenburg-Vorpommern, den Standort in Wismar zu erwerben. Dieser wird derzeit mit einer Investition von 200 Millionen Euro für eine Druckkörper-Taktstraße auf die Produktion von U-Booten umgestellt. Außerdem sollen auf der Werft künftig Fregatten und andere Schiffe entstehen.
Die Expansionspläne der Kieler reichen indes weiter. An der Förde hat TKMS ein Auge auf die benachbarte German Naval Yards Kiel (GNYK) geworfen und ein unverbindliches Kaufangebot abgegeben. German Naval Yards fertigt neben Megajachten ebenfalls graue Schiffe wie Korvetten und Fregatten.
Im jüngsten Aufwind der gesamten deutschen Rüstungsindustrie sorgen darüber hinaus verschiedene Konzentrationsprozesse dafür, die Schlagkraft, Innovationsfähigkeit und Flexibilität der Branche zu erhöhen. So hatte der Konzern Rheinmetall, führender Hersteller landseitiger Rüstungsgüter, im Herbst 2025 beschlossen, sein Portfolio auszuweiten und die Marinesparte NVL von der Bremer Lürssen-Gruppe komplett zu übernehmen.
NVL-Übernahme durch Rheinmetall genehmigt
Nach der kartellrechtlichen Genehmigung des Deals wurde die Übernahme zum 1. März 2026 unter Dach und Fach gebracht. Die Zielrichtung ist für Rheinmetall-Chef Armin Papperger klar: „Mit der Verbindung der Rheinmetall- und NVL-Kompetenzen schaffen wir einen leistungsfähigen Komplettanbieter für hochmoderne Überwasserschiffe.“
Neben den Fregatten-, U-Boot- und Korvetten-Aufträgen sind die Werften derzeit unter anderem mit dem Bau von zwei Marinebetriebsstoffversorgern der Klasse 707 und drei Flottendienstbooten der Klasse 424 für die deutsche Marine beschäftigt.
Entwicklung von maritimen Drohnen
Komplettiert wird die Marinesparte der Schiffbauindustrie durch einen Reparatur- und Instandhaltungssektor. Hier sind neben etablierten Großwerften wie German Naval Yards auch mittelständische Unternehmen wie die Rostocker Werft Tamsen Maritim seit vielen Jahren aktiv.
Die deutsche Marine selbst hat 2023 die Warnowwerft in Warnemünde aus der Insolvenzmasse der MV-Werften-Gruppe übernommen und damit die Kapazitäten und technologischen Möglichkeiten des Marinearsenals in Wilhelmshaven ausgebaut. Neben Schiffen sollen im Trockendock an der Warnow in Zukunft auch U-Boote gewartet und instandgesetzt werden.
Und natürlich sind auch autonome Systeme und Drohnen mittlerweile ein Thema für den Marineschiffbau. So stellte Rheinmetall unlängst gemeinsam mit dem britischen Unternehmen Kraken Technology eine schwimmende Drohne vor, die bei Blohm+Voss künftig in Serie produziert wird, und TKMS präsentierte ein vollautonomes Mini-U-Boot namens „Blue-Whale“.
Aktueller Blick in norddeutsche Betriebe
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