Nur 3,3 Prozent aller Schwerbehinderungen sind angeboren, alle anderen entstehen im Laufe eines Lebens, meist durch Erkrankungen, seltener durch Unfälle. Doch sicher ist: Eine solche Beeinträchtigung kann jeden treffen, und deshalb ist es gut, wenn sich Arbeitgeber frühzeitig darauf einstellen, um den betroffenen Beschäftigten aktiv Unterstützung anzubieten.

Zuverlässige Lösungen für den ersten Arbeitsmarkt

Eine Möglichkeit liegt in der Bereitstellung inklusiver Arbeitsplätze. Eine wichtige Rolle spielen dabei kollaborative Roboter wie der Cobot, der kürzlich auf der Nordmetall-Veranstaltung „Inklusion mithilfe von Cobots in der Praxis erleben“ bei TKMS in Kiel vorgestellt wurde. Diese Cobots können flexible, zuverlässige und dauerhafte Lösungen zur Unterstützung von Schwerbehinderten in der Produktion sein.

„Allein in Kiel haben wir derzeit etwa 200 Schwerbehinderte und Gleichgestellte“ 

André Kannenberg, Vertrauensperson der behinderten Menschen bei TKMS

Für Firmen wie TKMS mit über 9.000 Beschäftigten weltweit sind solche Systeme sehr hilfreich. „Wir haben allein in Kiel etwa 200 Schwerbehinderte und Gleichgestellte“, sagt André Kannenberg, der gemeinsam mit seiner Kollegin Nicole Reinhold als Vertrauensperson für behinderte Menschen bei TKMS fungiert. „Hinzu kommen Beschäftigte, die durch Krankheit von einer Behinderung bedroht sind.“

Unterstützung gibt es hier bei Anträgen und durch Beratungsgespräche. Zudem werden Führungskräfte und Mitarbeiter für den Umgang mit schwerbehinderten Mitarbeitern geschult, denn oft gibt es noch Berührungsängste. Auch einzelne Arbeitsplätze werden begutachtet und gegebenenfalls angepasst.

Entwickelt von Experten der RWTH in Aachen

Das seit Herbst 2025 börsennotierte Unternehmen, das sich stolz „maritimes Powerhouse“ nennt, weiß um den Wert seiner vielen Mitarbeiter mit körperlichen Beeinträchtigungen, die oft schon seit Jahrzehnten auf der Werft in der Herstellung von U-Booten oder Fregatten tätig sind: „Gerade durch unsere hohe Fertigungstiefe und die harte körperliche Arbeit ergeben sich oft ganz besondere Herausforderungen“, sagt Kannenberg.

So ist es vor allem in Unternehmen der Metall- und Elektro-Industrie nicht immer sofort möglich, individuell abgestimmte Arbeitsplätze für Schwerbehinderte zu konzipieren. Hier setzt nun der Cobot an, der an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule in Aachen (RWTH) entwickelt wurde. Durch die Übernahme anstrengender, unergonomischer oder auch monotoner Teilaufgaben können diese Cobots den Menschen mit Behinderungen eine wirksame Unterstützung am Arbeitsplatz bieten.

Neue technologische Perspektiven für Firmen

Mathias Hüsing, Professor am Institut für Getriebetechnik, Maschinendynamik und Robotik, reiste mit seinem Team nach Kiel und präsentierte das innovative Projekt „IIDEA – Inklusion und Integration durch Cobots auf dem ersten Arbeitsmarkt“.

„Wir möchten mit dem Einsatz dieser modernen Technologien helfen, Barrieren abzubauen und dadurch neue Chancen in den Unternehmen zu schaffen“, so Hüsing. Er beobachtet „seit einigen Jahren ein starkes Wachstum innerhalb der industriellen Automatisierung“. Dazu passe die kollaborative Robotik, die auch beeinträchtigte Menschen bei der Arbeit technisch unterstützen kann.

„Wir wollen mit unserer Technik helfen, Barrieren abzubauen“ 

Mathias Hüsing, Professor an der RWTH Aachen

Wichtig seien in diesem Zusammenhang vor allem zwei Dinge: die Sicherheit am Arbeitsplatz und die Akzeptanz der Beschäftigten, die einen der rund 35.000 Euro teuren Cobots als „intelligentes Werkzeug“ nutzen.

Zu diesem Zweck kommt das Projekt „IIDEA“ bei Interesse in die Betriebe. Vor allem Schwerbehindertenvertretungen und Integrationsbeauftragte aus den Unternehmen informieren sich auf diesen Veranstaltungen über die neuen technologischen Perspektiven für Beschäftigte mit Behinderungen.

Cobots erledigen auch langweilige Aufgaben

Einen mobilen Cobot-Arbeitsplatz, der speziell für die Metall- und Elektro-Industrie geeignet ist, haben die Verbände Nordmetall und AGV Nord schon 2025 bei zwei Terminen in den Unternehmen Pano Verschluss in Itzehoe und Mankenberg in Lübeck vorgestellt.

Mankenberg-Geschäftsführer Stefan Nehlsen nutzt in seinem auf Ventile und Regelungstechnik spezialisierten Betrieb bereits einen Cobot, und zwar für Einlegearbeiten. Grund: „Hier geht es um eine eher stumpfe und daher belastende Tätigkeit, da hilft die technische Unterstützung besonders.“ Für sein Traditionsunternehmen sieht Nehlsen eine besondere gesellschaftliche Verantwortung, Menschen mit Beeinträchtigungen besser zu integrieren.

Positive Effekte für die Bindung von Fachkräften

Doch das bringt auch einen weiteren positiven Effekt mit sich: „Unsere Beschäftigten sehen natürlich, dass bei uns auch nach einer schweren Erkrankung niemand fallen gelassen wird“, sagt Nehlsen. „So können wir mit unserem Engagement für die Inklusion zugleich die Bindung von Fachkräften an das eigene Unternehmen weiter stärken.“

„Es geht auch darum, nach einer schweren Erkrankung niemanden fallen zu lassen“ 

Stefan Nehlsen, Geschäftsführer Mankenberg

Auch Pano-Geschäftsführer Thomas Stock zeigt sich motiviert. „Wir beschäftigen schon einige Schwerbehinderte, aller-dings hat es sich bei uns bislang nicht ergeben, Cobot-Technik für die Anstellung eines Menschen mit Beeinträchtigung zu nutzen“, sagt der Diplom-Betriebswirt, dessen Unternehmen nachhaltige Verschlüsse für die Lebensmittel-Industrie herstellt. Grundsätzlich ist der schleswig-holsteinische Mittelständler für dieses Thema jedoch offen.

Stock: „Wir sind bereit, solche Systeme jederzeit einzusetzen, sobald sich eine Person findet, die wir entsprechend beschäftigen können. Diesem wichtigen Teil des Arbeitsmarkts möchten wir uns nicht verschließen.“

Aktueller Blick in norddeutsche Betriebe

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