Dunkle Wolken am Arbeitsmarkt: Da die Babyboomer nach und nach in Rente gehen und weniger junge Leute nachrücken, sinkt die Zahl der einheimischen Fachkräfte rapide.
387.000 Stellen für qualifizierte Arbeitskräfte konnten im Frühjahr 2025 nicht besetzt werden
Quelle: Institut der deutschen Wirtschaft (IW)
Nach Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) konnten im Frühjahr 2025 rund 387.000 offene Stellen für qualifizierte Arbeitskräfte nicht besetzt werden und Besserung ist nicht in Sicht. Bis 2028 könnte die Zahl der fehlenden Fachkräfte laut IW sogar auf rund 768.000 steigen.
Weil das Problem schon länger besteht, beschloss die Große Koalition unter Kanzlerin Angela Merkel das Fachkräfteeinwanderungsgesetz (FEG), das am 1. März 2020 in Kraft trat. Es ermöglicht qualifizierten Fachkräften aus Drittstaaten die Einreise und Aufnahme einer Erwerbstätigkeit in Deutschland.
Es ermöglicht qualifizierten Fachkräften aus Drittstaaten die Einreise und Aufnahme einer Erwerbstätigkeit in Deutschland.
Bürgerkrieg, Flucht, Praktikum – und dann der Einstieg in die Ausbildung
Zu diesem Zeitpunkt war Mohamad Daas bereits seit drei Jahren in Deutschland. Der gebürtige Syrer, dessen Vorfahren aus Palästina stammen, musste 2017 im Alter von 17 Jahren wegen des Bürgerkriegs allein aus Syrien fliehen und landete am Ende in Norderstedt bei Hanseatic Power Solutions (HPS), wo er eine Ausbildung zum Industrieelektriker (Fachrichtung Betriebstechnik) absolvierte.

Eine Frage der inneren Einstellung
Ein echter Glücksfall für beide Seiten – sieben Jahre nach seiner Flucht stand er bei der Landesbestenehrung der IHK als bester Azubi Schleswig-Holsteins auf der Bühne.
Bester Azubi in Schleswig-Holstein
Die Geschichte von Mohamad Daas ist eine Geschichte von Flucht und Vertreibung. Sein Großvater musste aus Palästina nach Syrien fliehen, Mohamad selbst flüchtete von dort wegen des Bürgerkriegs nach Deutschland. 2017 kam er über Umwege nach Norderstedt, wo bereits sein ebenfalls geflüchteter Vater lebte. Dort bekam Mohamad nach der Schule über ein Praktikum und eine halbjährige Einstiegsqualifizierung 2021 eine Ausbildung bei Hanseatic Power Solutions, die er mit dem besten Abschluss seines Jahrgangs beendete.
HPS-Geschäftsführer Michael Grenz ist voll des Lobes für seinen jungen Kollegen. „Wir freuen uns sehr, dass Mohamad zu uns gekommen ist“, so Grenz. „Das ist ein großer Gewinn für uns alle.“
Nach seinen Angaben hat HPS ohnehin gute Erfahrungen mit jungen Geflüchteten. „Sie haben oft eine andere Einstellung als ihre deutschen Altersgenossen“, bilanziert Grenz. „Sie verhalten sich dem Unternehmen gegenüber verantwortungsbewusster, nehmen die Ausbildung ernster und freuen sich, wenn sie etwas lernen können.“
In nur sechs Monaten Deutsch gelernt
Das sind Eigenschaften, die auch für Biatricia Iurasco gelten. Sie kam vor sechs Jahren nach Deutschland und wusste sofort: „Ich muss die Sprache lernen, das ist der alles entscheidende Faktor.“ Also meldete sie sich an einer Sprachschule an und nutzte jeden Tag, um sich die nötigen Grundlagen anzueignen. Mit Erfolg – knapp sechs Monate später konnte sie sich auf Deutsch verständigen und heute spricht sie es fließend.

Inzwischen arbeitet die 30-Jährige als Social-Media-Managerin und Marketing-Angestellte in der Unternehmensgruppe MD Group in Friedeburg. Die 75-Mitarbeiter-Firma will bis 2029 ein E-Flugzeug bauen, das neun Personen bis zu 400 Kilometer weit CO2-neutral transportieren kann.
Schon früh Verantwortung getragen
Biatricia Iurasco wurde 1995 in Moldawien geboren. Die Republik zwischen der Ukraine und Rumänien ist bitterarm, etwa ein Drittel der Bevölkerung arbeitet mittlerweile im Ausland. Auch Iurascos Eltern verließen ihre Heimat, um in Italien ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Biatricia kümmerte sich um zwei jüngere Schwestern. Seit 2019 lebt sie in Deutschland, spricht vier Sprachen (Moldawisch/ Russisch, Italienisch, Englisch und Deutsch) und hat drei Berufsabschlüsse. In Kürze erhält sie die deutsche Staatsbürgerschaft. Bei der MD Group in Friedeburg ist sie für die Bereiche Bereiche Marketing/Social Media/Vertrieb zuständig.
Die Schwester wohnte bereits in Wilhelmshaven
Für dieses und andere Projekte der ostfriesischen Firmengruppe rührt Iurasco auf Social Media die Werbetrommel, bereitet Messeauftritte vor und arbeitet an internationalen Strategien mit. „Im nächsten Jahr wollen wir den ersten Demonstrator fertigen“, sagt sie freudestrahlend und man merkt, dass sie für ihre Aufgabe brennt.
Iurasco stammt aus Moldawien (Moldau), einer südosteuropäischen Republik zwischen der Ukraine und Rumänien. Das kleine Land mit nur 2,4 Millionen Einwohnern zählt zu den ärmsten Regionen in Europa. Deshalb haben viele Menschen ihre Heimat verlassen.
Auch Biatricia Iurasco ging. Mit 18 Jahren übersiedelte sie nach Rumänien. Dort studierte sie Public Relations mit Schwerpunkt Marketing. Zeitgleich schrieb sie sich für ein Fernstudium BWL in Moldawien ein. Nach drei Jahren hatte sie den Bachelor in der Tasche und konnte auch ihr Wirtschaftsstudium erfolgreich beenden.
Zusätzlich zur moldauischen Staatsbürgerschaft besitzt sie den rumänischen Pass, deshalb konnte sie problemlos nach Deutschland einreisen. „Weil meine Schwester in Wilhelmshaven lebt, kam ich auch hierher“, erzählt sie.
Mit viel Mut immer wieder Neues versucht
Die erste Zeit war hart. Sie arbeitete unter anderem als Bürokraft in der Baubranche und wagte kurzzeitig sogar den Schritt in die Selbstständigkeit. Dann bildete sie sich zur Industriekauffrau weiter und lernte während eines Praktikums die MD Group kennen, wo sie seit Herbst 2024 fest angestellt ist.
Ihr Credo: „Man muss sich integrieren, offen sein für die neue Kultur und vor allem Engagement zeigen, um in Deutschland Fuß zu fassen.“ Das hat sie getan und entsprechend glücklich ist ihr Unternehmen über die Mitarbeiterin.
Personalchefin Renate Harzmeyer sagt: „Biatricia ist eine wertvolle Kollegin, die liebt, was sie tut, und immer ihre ganze Kraft einbringt.“
Iurasco schätzt an ihrem Arbeitgeber vor allem, dass das Unternehmen, nicht nur Produkte entwickele, sondern auch Menschen. „Hier wird der Job an die Personen angepasst und nicht umgekehrt.“
Sie selbst bildet sich stetig weiter und startet im Herbst einen dreimonatigen Social-Media-Kurs. An der Fernuni Hagen hat sie einen Masterstudiengang Politikwissenschaft mit Schwerpunkt Nachhaltigkeit belegt. Und sie macht ihren Pilotenschein. Schließlich will die junge Frau das neue E-Flugzeug, wenn es fertig ist, auch selbst steuern.
Neustart in Niedersachsen im Alter von 40 Jahren
Auf ausländisches Fachpersonal setzt auch das niedersächsische Unternehmen Langer E-Technik in Varel, das in den Geschäftsfeldern Schaltanlagen, Energietechnik und Service aktiv ist. Inzwischen kommen 10 Prozent der 135 Mitarbeiter aus dem Ausland.
„Die meisten von ihnen starten bei uns mit einer Ausbildung“, sagt Vertriebsleiter Nicolas Busch. „Das ist der Regelfall, mit dem wir bislang sehr gute Erfahrungen haben.“
Aber es gibt auch Ausnahmen. Eine von ihnen ist Hossein Karimi. Der 40-jährige Elektroingenieur aus dem Iran hat erst Anfang 2025 bei Langer E-Technik begonnen und arbeitet hier als Monteur.

„Er ist hoch motiviert und engagiert“, lobt Busch. „Und aufgrund seiner beruflichen Erfahrungen bringt er nahezu alle Voraussetzungen mit, die ein Elektroniker für Energie- und Gebäudetechnik in diesem Job benötigt.“
Im Iran hat Karimi in einem Energieversorgungsunternehmen gearbeitet. Das hilft ihm bei der Arbeit im Schaltanlagenbau von Langer E-Technik sehr. „Ich muss noch viel lernen, aber zahlreiche Grundlagen bringe ich mit“, sagt er.
Karimi ist Vater von drei Kindern im Alter zwischen sechs und neun Jahren. Ihnen und seiner Frau will er eine bessere Zukunft bieten, deshalb hat er sich für Deutschland entschieden.
„Ich wollte schon immer nach Deutschland, weil es ein technologisch hoch entwickeltes Land ist und jedem, der sich bemüht, gute Karrierechancen bietet“, erklärt er. Bereits vor mehreren Jahren hat er begonnen, Deutsch zu lernen. Zunächst allein und später dann im Goethe-Institut.
Im Rahmen des vereinfachten Fachkräfteeinwanderungsverfahrens ist es ihm gelungen, hierherzukommen. Allerdings musste er viele bürokratische Hürden überwinden. „Ich brauchte einen Arbeitsvertrag und eine Wohnung in Deutschland, um meine Familie mitnehmen zu dürfen“, erzählt er.
Der Traum von Deutschland
Hossein Karimi träumte bereits als Teenager davon, eines Tages nach Deutschland auszuwandern. Er wurde 1985 geboren und stammt aus der Großstadt Qazvin nahe Teheran. Im Iran schloss er ein Bachelor-Studium als Elektroingenieur ab und arbeitete in einem Energieversorgungsunternehmen. Den Traum von Deutschland aber gab er nie auf. Er erlernte die Sprache und bemühte sich um ein Visum. Anfang 2025 war es geschafft, er erhielt die Einreiseerlaubnis. Heute arbeitet er bei Langer E-Technik in Varel.
Hilfe vom Arbeitgeber bei der Wohnungssuche
Langer E-Technik half. Die Firma gab ihm einen Arbeitsvertrag, mietete eine Wohnung an und setzte sich mit den Behörden auseinander. „Wir haben mittlerweile Erfahrung mit solchen Vorgängen und helfen den neuen Kollegen aus aller Welt, hier Fuß zu fassen“, sagt Vertriebsleiter Nicolas Busch.
Inzwischen hat sich Karimi eingelebt. „Er ist wissbegierig, lernfähig und stets freundlich“, sagt Busch. „Hossein hat immer ein Lächeln auf den Lippen und ist äußerst hilfsbereit. Wir möchten ihn nicht mehr missen.“
Karimi selbst weiß, dass noch viel Arbeit vor ihm liegt. „Ich muss noch eine Menge lernen, aber dabei helfen mir die Kollegen. Sie unterstützen mich sehr und ich kann alles fragen. Das ist wirklich toll. Jetzt bin ich da angekommen, wo ich immer hinwollte.“
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Als Geschäftsführer einer Bremer Kommunikationsagentur weiß Lothar Steckel, was Nordlichter bewegt. So berichtet er für aktiv seit mehr als drei Jahrzehnten vor allem über die Metall- und Elektro-Industrie, Logistik- und Hafenwirtschaft, aber auch über Kultur- und Freizeitthemen in den fünf norddeutschen Bundesländern.
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Der gebürtige Westfale ist seit über 35 Jahren im Medienbereich tätig. Er studierte Geschichte und Holzwirtschaft und volontierte nach dem Diplom bei der „Hamburger Morgenpost“. Danach arbeitete er unter anderem bei n-tv und „manager magazin online“. Vor dem Wechsel zu aktiv im Norden leitete er die Redaktion des Fachmagazins „Druck & Medien“. Wenn er nicht in den fünf norddeutschen Bundesländern unterwegs ist, trainiert er für seinen dritten New-York-Marathon.
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