Als das Inferno losbricht, wird den Besuchern plötzlich klar, warum vor der Tour Ohrstopfen ausgegeben wurden. Alle hatten sich den Gehörschutz brav in die Ohren gesteckt, aber den ge- waltigen Lärm, der nun die riesige Halle von Arcelor-Mittal in Hamburg füllt, hatte niemand erwartet. Niemand bis auf die Projektingenieurin Kerstin Kier, die seit 2015 für das Stahlunternehmen arbeitet und heute die Führung der Gruppe übernommen hat.
1.000.000.000 Kilowattstunden pro Jahr – das ist der Strombedarf des Werks
Die 38-Jährige spricht unbeirrt weiter in ihr Mikrofon und erläutert den Gästen, was da gerade passiert. Die stehen auf einer Plattform in Sichtweite des großen Elektrolichtbogenofens, der gerade mit neuem Material beschickt wird, und sind mächtig beeindruckt. Der Ofen, erfahren sie, arbeitet nicht mit Koks, sondern umweltfreundlich mit Strom. Einige Informationen gehen im Lärm unter, aber eine Zahl bleibt hängen: Das Werk hat einen Energieverbrauch von rund einer Terawattstunde (TWh) pro Jahr. Für Laien klingt das wenig spektakulär, aber umgerechnet in Kilowattstunden (kWh) wird die Dimension klar: Eine Terawattstunde entspricht einer Milliarde kWh – einer Menge, die in etwa dem jährlichen Stromverbrauch von Kiel entspricht.
Einblicke wie diese sind es, die den speziellen Reiz der Langen Nacht der Industrie ausmachen. Und Hamburg ist genau der passende Ort dafür, denn hier wurde das erfolgreiche Format vor 18 Jahren entwickelt. Organisiert wird die Veranstaltung seither von der Hamburger Agentur Prima Events, die das Event inzwischen auch in anderen Regionen anbietet.
3.000 Industriebetriebe allein in Hamburg
Agentur-Geschäftsführer Jürgen Henke: „Unsere Idee war von Anfang an, dass wir den Teilnehmern das Thema Industrie möglichst anschaulich vermitteln wollen. Denn viele Bürger wissen viel zu wenig darüber und haben in ihrem Alltag kaum Berührung mit Industriebetrieben, obwohl sie für das Gemeinwohl so wichtig sind.“
Die Hafenstadt Hamburg, die üblicherweise nicht unbedingt als Industriestandort wahrgenommen wird, ist ein gutes Beispiel dafür. Hier sichern rund 3.000 Firmen aus ganz unterschiedlichen Bereichen rund 130.000 Arbeitsplätze. Die Industrie erwirtschaftet knapp ein Drittel des städtischen Gesamtumsatzes und ist damit eine wichtige Säule für die wirtschaftliche Stärke und Innovation in Hamburg.
Kerstin Kier hat unterdessen ihre Führung beendet und die Gäste geben ihre Helme, Kittel und Schutzbrillen zurück. Einer von ihnen erzählt, dass er eigentlich seinen 15-jährigen Sohn mitbringen wollte, aber der hat sich beim Fußball verletzt und konnte nicht mitkommen.
„Wirklich schade“, sagt sein Vater, „die Tour hätte ihm gefallen. Er interessiert sich sehr für technische Dinge und möchte nach der Schule lieber eine Ausbildung als ein Studium machen. Ich werde die Flyer mitnehmen und ihm empfehlen, sich hier für eine Lehrstelle zu bewerben.“
Einige Kilometer weiter hat an diesem Abend auch der Aluminium-Spezialist Speira seine Hallen für die Teilnehmer der „Langen Nacht“ geöffnet. Der Betrieb, der seinen Sitz passenderweise in der Aluminiumstraße hat, beschäftigt hier rund 600 Mitarbeiter und gehört zum Speira-Konzern, der in Deutschland und Norwegen insgesamt elf Recycling- und Walzproduktionsstätten samt eigener Forschung und Entwicklung unterhält.
Das Hamburger Speira-Werk liefert auch Material für Lithium-Ionen-Batterien
Ehe die Teilnehmer durch das Werk geführt werden, erfahren sie in einer Präsentation allerlei spannende Dinge über den Werkstoff Aluminium. Michael Rösner-Kuhn erledigt diese Aufgabe mit Bravour und versteht es, sein Publikum zu begeistern. Der promovierte Ingenieur ist Leiter der Produkttechnik und des technischen Kundenservices und überrascht die Gäste unter anderem mit dem Hinweis, dass der Hamburger Speira-Standort europäischer Marktführer für die Produktion sogenannter Spaltbänder für die Fertigung von Lithium-Ionen-Batterien ist.
„Ein enorm anspruchsvolles Produkt“, so Rösner-Kuhn. „Die Oberfläche muss absolut perfekt sein, sonst kann es zu den gefürchteten Batteriebränden kommen. Wir sind in der Lage, diese Qualität zu liefern.“
Um Produkte ganz anderer Art geht es beim Hamburger Standort der Firma KHS, der 2025 sein 50. Jubiläum feierte und im Stadtteil Meiendorf liegt. Der Betrieb baut Maschinen für die Fertigung von PET-Flaschen und beschäftigt rund 500 Mitarbeiter, wie die Gäste von Werkleiter Joachim Konrad erfahren.
Ein Weltmarktführer im Osten der Hansestadt
Die Firma gehört zu den Weltmarktführern ihrer Branche und hat unter anderem die Plasmax-Barrieretechnologie entwickelt, die es ermöglicht, eine hauchdünne Siliziumoxid-Schicht auf die Innenwand von Kunststoff-Flaschen aufzubringen. Das sorgt dafür, dass der Inhalt viel länger frisch bleibt.
Und auch bei der Langen Nacht der Industrie in Bremen, die direkt am Folgetag stattfindet, wird den Teilnehmern jede Menge geboten. Besonders hoch ist der Andrang bei Rheinmetall Electronics im Stadtteil Hemelingen, wo Missionsausstattungen sowie Ausbildungs- und Trainingslösungen für Streitkräfte, zivile Kunden und Regierungseinrichtungen entwickelt werden.
Was das konkret bedeutet, wird klar, als die Gruppe in einen Raum geführt wird, in dem der Nachbau einer Helikopterkabine ohne Rotor steht. Trainer Stefan Schröder muss nicht lange fragen, wer den Simulator testen will – der erste Interessent entert bereits das Cockpit und greift nach dem Steuerknüppel.
„Schon mal so ein Ding geflogen?“, fragt Schröder, aber der junge Mann verneint. „Kein Problem“, sagt der Trainer, „ich helfe beim Start und lasse Sie dann allein fliegen. Geht sofort los.“ Und tatsächlich, die Konstruktion hebt ab – zumindest wirkt es so, weil vorn und seitlich eine beeindruckend realistische Landschaft zu sehen ist und das Cockpit sich bei jeder Kurve mitbewegt. Die Videoprojektion auf die halbkugelförmige Wand wirkt so echt, dass ein Gast aus der ersten Reihe nach zwei Minuten seinen Platz räumt, weil ihm übel geworden ist.
Ähnliches erleben die Teilnehmer in dem Schiffssimulator, der ihnen im Anschluss vorgeführt wird. Der Raum ist deutlich größer, denn hier stehen die gleichen Instrumente wie auf der Brücke eines modernen Marineschiffs. Der Rheinmetall-Mitarbeiter startet das Programm und schon erscheint auf der riesigen Panorama-Videowand der Hamburger Hafen mit allen Details inklusive Speicherstadt, Touristendampfern und Elbphilharmonie.
Per Schiffssimulator in Bremen durch den Hamburger Hafen
Um die Sache aufzupeppen, dreht der Trainer an den Reglern und sorgt für ordentlich Schmuddelwetter und hohe Wellen, die die Fregatte auf und ab tanzen lassen. Eine Besucherin greift ängstlich nach dem Geländer, um sich festzuhalten, aber der Eindruck täuscht: Anders als bei dem Heli-Simulator gibt es hier keine hydraulisch bewegte Plattform; es ist allein die Videoprojektion, die dem Gehirn vorgaukelt, dass es ständig hoch- und runtergeht. Das merkt man aber erst, wenn man die Augen schließt.
„Wirklich stark“, sagt ein jüngerer Teilnehmer, als die Führung endet und alle zurück zu den Bussen gehen. „Ich wusste gar nicht, dass hier in Bremen solche Dinge entwickelt werden. Im nächsten Jahr bin ich auf jeden Fall wieder dabei und bringe meinen Bruder mit.“
Aktueller Blick in norddeutsche Betriebe
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Der gebürtige Westfale ist seit über 35 Jahren im Medienbereich tätig. Er studierte Geschichte und Holzwirtschaft und volontierte nach dem Diplom bei der „Hamburger Morgenpost“. Danach arbeitete er unter anderem bei n-tv und „manager magazin online“. Vor dem Wechsel zu aktiv im Norden leitete er die Redaktion des Fachmagazins „Druck & Medien“. Wenn er nicht in den fünf norddeutschen Bundesländern unterwegs ist, trainiert er für seinen dritten New-York-Marathon.
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