Nur wenige Hundert Meter entfernt von der Hamburger Zentrale des Intralogistik-Experten Still liegt eine neu errichtete Halle, in der kürzlich ein spannendes Zukunftsprojekt begann: die Produktion eigener Lithium-Ionen-Batterien für den Einsatz in Flurförderzeugen. Denn diese gehören zum Kerngeschäft des 1920 gegründeten Unternehmens, das zur börsennotierten Kion-Gruppe gehört und in 89 Ländern knapp 7.000 Menschen beschäftigt.
Etwa 25 davon arbeiten mittlerweile in der 2.600 Quadratmeter großen Halle in Hamburg-Billbrook und einer von ihnen ist Luca Gollnow. Der 23-Jährige hatte ursprünglich ein Agrarstudium begonnen, sich dann aber umentschieden und eine Ausbildung bei Still gestartet. Nach dieser bekam er von dem Unternehmen das Angebot, direkt in der Batteriemontage einzusteigen.
Jeder Mitarbeiter erhält eine Hochvolt-Schulung
„Das war für mich sehr spannend, von Anfang an bei einem solchen Pilotprojekt mitzuwirken“, so Gollnow, der diesen Schritt nicht bereut. „Hier bin ich direkt mit eingebunden und kann meinen eigenen Teil dazu beitragen, Abläufe zu entwickeln.“
Diese Motivation zieht sich durch das komplette Team. Fast alle Kollegen in der Batteriefertigung waren auch zuvor schon bei Still beschäftigt – in anderen Abteilungen oder wie Gollnow zunächst als Auszubildender. „Wir setzen hier bewusst auf ein junges Team, vorwiegend aus Mechatronikern“, erklärt Henrik Sochor, Projektmanager für die Lithium-Ionen-Batteriemontage, bei einem Rundgang durch die Halle. Der Zusammenhalt ist gut, oft wird das nahende Wochenende zum Anlass genommen, um am Freitagnachmittag noch gemeinsam zu grillen.
Karriere bei Still
Das Hamburger Unternehmen bietet unter anderem folgende Ausbildungen an:
- Industriekaufmann/-frau
- Industriemechaniker/-in
- Zerspanungsmechaniker/-in
- Konstruktionsmechaniker/-in
- Fachkraft für Lagerlogistik
- Mechatroniker/-in
- Werkstoffprüfer/-in
Zudem werden duale Studiengänge angeboten, unter anderem in BWL und Wirtschaftsingenieurwesen.
Da die Abteilung wächst, werden weitere Mitarbeitende gesucht, die entsprechenden Stellen sind sowohl intern als auch extern ausgeschrieben. Wer hier mitwirken möchte, braucht zuvor jedoch eine Hochvolt-Schulung, um mit den Batterien arbeiten zu dürfen. „Diese Schulung dauert eine Woche“, berichtet Gollnow. „Anschließend erfolgt jährlich eine eintägige Auffrischung.“
Am Ende kommen die Batterien auf die Waage
Danach kann die Arbeit beginnen in den derzeit zwei Fertigungslinien, in denen die Batterien montiert werden. Alle Varianten in den verschiedenen Spannungsklassen der 48- und 90-Volt-Akkus können dabei auf jeder Linie gebaut werden – eine dritte ist bereits in Planung. Pro Fertigungslinie gibt es drei Takte, in denen sich die Beschäftigten um die Module und die Technikraumplatte kümmern, ehe am Ende der Linie diverse Tests und Messungen durchgeführt werden.
Die Batterien werden kurz ge- und dann entladen, damit sie später mit einem Ladestand von 55 Prozent verbaut werden können. Zum Schluss werden sie gewogen; so lässt sich schnell feststellen, ob auch wirklich alle Teile verbaut wurden und nichts fehlt.
„Wir setzen bewusst auf ein junges Team, vorwiegend aus Mechatronikern“
Henrik Sochor, Projektmanager
Die Module sind übrigens mit Heizzellen ausgestattet, weshalb sie selbst bei niedrigen Temperaturen problemlos arbeiten. Die Lithium-Ionen-Batterien eignen sich dabei perfekt für das Erfolgsprodukt RX 20, den meistgekauften Elektrostapler des Unternehmens. Mit diesem bewältigen die Still-Kunden alltägliche Logistikaufgaben und profitieren von allen Vorteilen der neuen Batterie-Technologie: kurze Ladezeiten, hohe Energieeffizienz, eine lange Lebensdauer und ein wartungsfreier Betrieb. Doch auch andere Einsatzprofile der Branche werden mit den smarten Akkus abgedeckt.
Weniger Kosten dank intelligenter Technologie
Das sogenannte „Smart Charging“ kann den Kunden große finanzielle Vorteile bringen: Eine bei einem mittelständischen Logistikdienstleister durchgeführte Testreihe mit insgesamt sieben Lithium-Ionen-Ladestationen hat ergeben, dass dort durch den Einsatz intelligenter Ladetechnologie knapp 10.000 Euro pro Jahr an Energiekosten eingespart werden können.
Die Herstellung und Montage der modernen Technologie am Hamburger Standort schafft dabei nicht nur neue Arbeitsplätze bei Still, sondern auch ein Angebot aus einer Hand: „Wir können Anpassungen an den Fahrzeugen schnell und effizient umsetzen“, sagt Projektmanager Sochor. „So gelingt die perfekte Abstimmung von Ladetechnik, Fahrzeug und Batterie.“
Kurze Transportwege sind dabei ein weiterer Vorteil. In der Halle fällt auf, dass es hier kaum Lagerhaltung gibt. Sochor nickt. „Wir arbeiten im Just-in-Sequence-System“, sagt er. „Das ist ein Logistikkonzept, bei dem die Bauteile nicht nur zeitgenau, sondern auch in der exakten Reihenfolge der Montage angeliefert werden.“ Viele Teile kommen direkt aus dem Hamburger Mechatronikzentrum von Still oder aus der chinesischen Fertigung des Konzerns.
Ein Konzept, das zuverlässig Arbeitsplätze in der Logistikbranche sichert bei einem Unternehmen, das für seine Ausbildungsqualität schon mehrfach ausgezeichnet wurde. Ausbildungsleiter Jan Wehlen: „Wir legen viel Wert darauf, für alle jungen Kollegen den passenden Weg zu finden. Nur so können wir unsere hohe Übernahmequote von über 90 Prozent realisieren.“
Neue Ansätze gegen alte Rollenklischees
Auch immer mehr junge Frauen entdecken bei Still technische und logistische Berufe für sich. Alte Rollenklischees werden hier aufgebrochen. Dazu tragen auch Informations- und Praxistage speziell für Mädchen sowie eine ermutigende Unternehmenskultur bei.
Das hilft auch Mitarbeiterinnen wie der Industriemechanikerin Katrin, die im zweiten Lehrjahr schwanger wurde. Ihre Vorgesetzten reagierten mit großem Verständnis. Sichere Arbeitsbereiche, eine flexible Organisation und persönliche Unterstützung erlaubten es ihr, hochschwanger noch die theoretische Prüfung abzulegen und nach einem Jahr Elternzeit ihre Ausbildung erfolgreich fortzusetzen. Rückblickend sagt sie: „Welcher Arbeitgeber ermöglicht schon so etwas?“
Seit ihrer Übernahme arbeitet sie bei Still in Teilzeit mit genau den Wochenstunden, die sich mit ihrem Job und ihrem kleinen Sohn gut vereinbaren lassen. Die alleinerziehende Mutter kann sich durchaus vorstellen, in einigen Jahren ihren Techniker oder sogar Meister zu machen. Kein Wunder, dass es ihr bei ihrem Arbeitgeber gefällt, denn auch ihr Vater, ihr Bruder und ihr Onkel arbeiten bei dem Hamburger Traditionsunternehmen.
Wissenswertes zu Lithium-Ionen-Akkus
- Funktionsprinzip: Beim Laden wandern Lithium- Ionen von der positiven Elektrode (Kathode) durch einen Separator zur negativen Elektrode (Anode) und lagern sich dort ein. Beim Entladen fließt dieser Prozess umgekehrt ab.
- Hohe Energiedichte: Im Vergleich zu herkömmlichen Blei-Säure-Batterien speichern Lithium-Ionen-Zellen mehr Energie bei geringerem Gewicht und Volumen.
- Kein Memory-Effekt: Ein Vorteil ist das Ausbleiben des Kapazitätsverlusts bei häufigen Teilentladungen. Die Batterien können jederzeit zwischengeladen werden, ohne dass die nutzbare Energiemenge sinkt.
- Selbstentladung: Ein weiterer Vorteil ist die geringe Selbstentladung bei Nichtgebrauch. Während andere Akkus deutlich an Energie verlieren, behalten LI- Zellen ihre Ladung über lange Zeiträume fast voll ständig bei. Lebensdauer: Hochwertige Zellen überstehen mehrere Tausend Ladezyklen und sind damit lang- lebiger als klassische Blei-Säure-Batterien
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