Holger Stomberg mag seine Arbeit. „Was wir hier machen, das ist kein Job“, sagt der Niedersachse. „Ein solcher Begriff wäre eine Abwertung, denn es ist vielmehr eine Berufung, hier auf der Werft zu arbeiten.“ Dem Dock- und Betriebsratschef ist die Zufriedenheit anzusehen mit dem, was er tut. Und das ist ein gutes Zeichen für die Emden Dockyard/ Emder Werft und Dock GmbH (EWD), denn Stomberg ist so etwas wie das „Gesicht der Werft“. Vor einiger Zeit war er ausgiebig in einem NDR-Beitrag über den Hafen von Emden zu sehen – und mittlerweile wurde das Video allein auf Youtube von fast 650.000 Personen angeschaut.

„Wir haben aktuell eine sehr erfreuliche Auftragslage“

 Björn Sommer, Geschäftsführer EWD

Stomberg ist mit dieser Einstellung nicht allein, auch seine 150 Kollegen wirken hoch motiviert. Ein wichtiger Faktor für ein Unternehmen, das Schiffe repariert und ausrüstet, denn Überstunden und Wochenendarbeit sind in diesem Metier manchmal unvermeidlich.

Das Geschäft mit Reparaturen läuft gut

„Unser Beruf lebt von einer gewissen Emotionalität, der Liebe zu Schiffen“, sagt Stomberg. „Und wer hier arbeitet, erlebt immer wieder dieses Glücksgefühl, wenn ein Projekt abgeschlossen und der Kunde zufrieden ist.“ Und zufriedene Kunden gibt es hier offenbar regelmäßig, denn die Auftragsbücher von EWD sind gut gefüllt.

Anfang 2026 konnte das Unternehmen vermelden, mit Reparatur- und Modernisierungsaufträgen für Schiffe aller Art bis Ende August ausgelastet zu sein. „Dazu kommen viele Anfragen für weit in das Jahr 2027 hinein und teilweise auch schon für die beiden Folgejahre“, sagt Björn Sommer, EWD-Geschäftsführer seit 2020. Im gleichen Jahr stieg auch die Bremerhavener Benli-Group als Hauptgesellschafter bei EWD ein.

Dock-Kapazitäten werden erweitert

Seitdem herrscht Aufbruchstimmung auf dem rund 100.000 Quadratmeter großen Gelände, dessen Werftgeschichte bis 1903 zurückreicht (siehe Infokasten auf Seite 23). „Wir haben in den vergangenen Jahren eine positive Entwicklung der seit 2015 selbstständigen Reparatursparte erlebt“, so Sommer. „Die Aktivitäten wurden ausgeweitet und der Kundenstamm vergrößert.“

2023 hatten EWD und die Benli-Group das Areal der ehemaligen Lindenau-Werft in Kiel gemietet und dort ein 165 Meter langes Schwimmdock gekauft. Nun ist jedoch der Hauptstandort an der Nordseeküste so gut ausgelastet, dass Sommer eine Entscheidung traf: „Dieses zusätzliche Dock können wir gut gebrauchen, wir werden es demnächst nach Emden schleppen und dann hier nutzen.“ Ende Mai soll es so weit sein, der Standort in Kiel wird geschlossen, die dort angestellten 15 Beschäftigten bekommen Übernahmeangebote. „Das sind gute Leute, die gerne bei uns weiterarbeiten können, wenn sie möchten“, so der Geschäftsführer.

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Recycling als Zukunftsthema

Doch auch ohne das Kieler Dock gibt es auf dem EWD-Gelände viel zu sehen. Das riesige Aushubdock ist beeindruckende 218 Meter lang, hinzu kommen weitere Schwimmdocks sowie große Portalkräne. Oft werden bis zu zehn Schiffe parallel bearbeitet; einige kommen aus dem Handels-, andere aus dem Marinebereich.

Zudem werden Fähren der Reederei Norden-Frisia modernisiert, die danach wieder zwischen Norddeich und Norderney verkehren. Zuletzt wurde die 2002 gebaute „Frisia IV“ nahezu komplett entkernt und an das neue Gastrokonzept an Bord angepasst.

„Unsere Docks sind gut durchgetaktet, ein Schiff wird fertig und das andere wartet schon“, sagt Sommer. Nur Neubauten wird es auf absehbare Zeit nicht mehr geben, dieses Geschäft wurde vor über 15 Jahren eingestellt.

Ein anderes Geschäftsfeld ist für die Emder allerdings durchaus eine Option: das Recycling von Schiffen. Über eine Tochterfirma wurde vor etwa einem Jahr nach einem längeren Genehmigungsverfahren das Zertifikat ausgestellt, dass auf dem Areal von Emden Dockyard Schiffe, aber auch Windräder, Offshore- oder Industrieanlagen zerlegt werden dürfen.

Mehrere Generationen einer Familie im Betrieb

Sommer, der auch hier Geschäftsführer ist, dämpft jedoch zu hohe Erwartungen: „Wir haben zwar alle Auflagen erfüllt und das Zertifikat bekommen, doch bei zwei Kilometer Pierfläche, die wir nutzen können, fehlt uns tatsächlich der Platz, um hier in einem größeren Umfang einzusteigen.“ Doch gibt es bereits Anfragen für kleinere Binnen- oder Küstenmotorschiffe.

„Wir werden mal mit einem Schlepper starten, der nicht so viel Platz wegnimmt“, sagt Sommer. Grundsätzlich könne man aber alles zerlegen, was durch die Seeschleuse in den Emder Hafen einlaufen kann. 

„Wir erhielten mehrfach das Gütesiegel ‚Top-Ausbildung‘“

Stephan Lomscher, Ausbildungsleiter EWD

Wie stark die Zugehörigkeit der Beschäftigten zu „ihrer Werft“ ist, zeigt sich auch daran, dass auf dem Gelände teilweise Familienmitglieder in zwei oder drei Generationen zusammenarbeiten. Ein Beispiel ist Benjamin Lehmkuhl, der als Dockmatrose und Kranführer bei EWD arbeitet. Seine Tochter Vivienne hat hier ein Praktikum gemacht und möchte später eine Ausbildung als Industriemechanikerin auf der Werft machen.

Dennoch ist der allgegenwärtige Fachkräftemangel natürlich auch in Emden ein Thema: „Wir müssen selbst ausbilden, um gute Fachkräfte zu bekommen“, sagt Stephan Lomscher, Ausbildungsleiter seit 2018. EWD hat daher eine Ausbildungsquote von rund 10 Prozent und zahlreiche Azubis in den Lehrberufen Konstruktionsmechaniker mit Schwerpunkt „Ausrüstungstechnik“ und Industriemechaniker mit Schwerpunkt „Instandhaltung“.

Auftritt in den sozialen Medien wird ausgebaut

„Wir wurden von der IHK mehrfach mit dem Gütesiegel ‚Top-Ausbildung‘ ausgezeichnet“, berichtet Lomscher. Die hohe Qualität der Ausbildung stärkt nach seiner Einschätzung auch bei den Jugendlichen, meist Kinder von Mitarbeitern, die ohnehin hohe Verbundenheit zum Betrieb. „Wir haben viele junge Leute, die mitziehen und sich dann zur Techniker- und Meisterschule anmelden.“ Für die weitere Mitarbeitergewinnung will EWD den Auftritt in den sozialen Medien ausbauen, unter anderem bei Instagram, denn die Bilder, die die Werftarbeit liefert, sind wirklich beeindruckend.

Vielleicht sehen die potenziellen Kollegen dann auch, dass bei EWD neben der Arbeit gerne auch mal gefeiert wird, etwa der Abschluss eines Projekts. „Wir kommen aus der Reparatur, da reagiert man meist spontan“, so Geschäftsführer Sommer. Mit Blick auf die gefüllten Auftragsbücher sollte es auch künftig immer mal wieder Grund zu einer Spontanfeier für die Mitarbeiter geben.

Spannende Historie

Der Werftstandort in Emden blickt auf eine lange Geschichte zurück, in der sich auch der Name mehrfach änderte:

  • 1903: Gründung der Nordseewerke.
  • 1957: Übernahme durch die Rheinstahl Industriegruppe (Rheinstahl Nordseewerke).
  • 1976: Einstieg der Thyssen Industrial Group (Thyssen Nordseewerke).
  • 2002: Fusion von Thyssen mit der Krupp-Hoesch-Industriegruppe (Nordseewerke).
  • 2008: Fusion der Nordseewerke mit Blohm&Voss Naval (TKMS Blohm&Voss Nordseewerke).
  • 2010: Ausgliederung der Schiffsreparatur unter Eigentümerschaft von ThyssenKrupp (Emder Werft und Dockbetriebe).
  • 2015: Übernahme der Schiffsreparatur durch ein Hamburger Kapitalhaus (Emder Werft und Dock, Hausname: Emden Dockyard).
  • 2020: Übernahme der Emden Dockyard durch die Benli-Group.

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